Die Illusion des grenzenlosen Wachstums: Warum unser Wirtschaftssystem an seine Grenzen stösst
Im Jahr 2010 hat der deutsche Polit-Kabarettist Volker Pispers das absurde Versprechen vom „grenzenlosen Wachstum“ mit einer einfachen Rechnung auf den Punkt gebracht. Seine Argumentation entlarvt die globale Ressourcenverteilung als mathematisches Konstrukt, das angesichts des begrenzten Ressourcenverbrauchs zwangsläufig kollabieren muss. Die Illusion des grenzenlosen Wachstums wird hier sichtbar.
Die mathematische Unmöglichkeit unseres Wirtschaftssystems
Betrachten wir die nackten Zahlen der globalen Ressourcenverteilung: Die klassischen G7-Staaten umfassen insgesamt rund 800 Millionen Menschen. Diese kleine Gruppe beansprucht allein für sich etwa 40 % der weltweiten Ressourcen, um ihren hohen Lebensstandard zu halten.
Dem gegenüber stehen zwei aufstrebende Wirtschaftsgiganten: China mit über 1.4 Milliarden und Indien ebenfalls mit über 1.4 Milliarden Einwohnern. Diese beiden Nationen haben den legitimen Anspruch, genau jenen Wohlstand zu erreichen, den wir im Westen als selbstverständlich erachten.
Wenn diese beiden Bevölkerungsriesen jedoch auf unserem Niveau konsumieren wollen, würden auch sie jeweils 40 % der globalen Rohstoffe benötigen.
Die Illusion des grenzenlosen Wachstums: Das Lotto-Prinzip des Kapitalismus
Wie teilt man einen Kuchen in drei Stücke, wenn jedes Stück 40 % des Ganzen ausmachen soll? Dieses einfache Rechenbeispiel entlarvt die Illusion des grenzenlosen Wachstums. Und die Rechnung ist damit nicht einmal zu Ende.
Was passiert mit den restlichen 4 Milliarden Menschen auf diesem Planeten? Sie werden nicht weitere 50 Jahre geduldig ausharren, bis der Wohlstand zu ihnen kommt. Wenn die Ressourcen nicht zu ihnen kommen, werden sie dorthin gehen, wo der Reichtum ist.
Wir müssen uns von einem Märchen verabschieden. Das System funktioniert wie das Lottospielen: Da kann zwar jeder Millionär werden – aber eben nicht alle.
Dass die Schweiz ebenfalls weit über ihre Verhältnisse lebt, bestätigt der Swiss Overshoot Day. Würde die Welt so konsumieren wie die Schweiz, bräuchten wir 2,87 Planeten.
Was das mit Schweizer Unternehmen zu tun hat
Die Illusion des grenzenlosen Wachstums wirkt für viele weit weg und abstrakt. Doch der daraus entstehende Druck landet längst in den Unternehmen – nicht als politische Debatte, sondern als stille Kostenfrage.
Für Schweizer Produktionsunternehmen stellt sich stellt sich dieselbe Frage – nur näher. Es geht nicht nur darum, wie viel Material an der Maschine verbraucht wird. Es geht darum, wie viel Aufwand ein System braucht, um seine eigene Komplexität zu tragen.
Schweizer Unternehmen wähnen sich oft in einer komfortablen Position, weil sie in der Fertigung äusserst effizient arbeiten. Doch hier greift der Rebound-Effekt: Die gewonnene Effizienz wird oft genutzt, um die Komplexität weiter in die Höhe zu treiben – durch ausufernde Variantenvielfalt und extreme Individualisierung.
Strukturkosten als heimliche Ressourcenfresser
Mit jedem Wachstumsschritt entstehen neue Schnittstellen, neue Abstimmungsschleifen, neue Reibungsflächen – die Führungsenergie binden, ohne dass es unmittelbar sichtbar wird. Die Illusion des grenzenlosen Wachstums zeigt sich hier in Form von Strukturkosten.
Die grössten Verluste in Schweizer Industriebetrieben entstehen heute in den Zwischenräumen. Entscheidungsverzögerungen entstehen, weil komplexe Abhängigkeiten Management-Ressourcen dauerhaft binden. Der Steuerungsaufwand dient oft nur noch dazu, die selbst erzeugte Komplexität beherrschbar zu halten.
Die zentrale Frage lautet nicht mehr, wie effizient eine einzelne Maschine produziert. Die Überlebensfrage lautet: Wie viel Overhead und Strukturkosten benötigt ein Unternehmen, um künstlich geschaffene Komplexität zu tragen?
Echte Effizienz beginnt mit dem Abbau von Komplexität – nicht mit ihrer Verwaltung.

