Was Führungskräfte lernen können

Warum unser Verstand kleine Probleme systematisch unterschätzt – und was Führungskräfte lernen können.

Die Legende

Gemäss einer alten Legende war ein indischer Herrscher so sehr vom Schachspiel begeistert, dass er den weisen Sissa ibn Dahir, den Erfinder des Spiels, an seinen Hof rufen liess.

Er wollte ihm eine Belohnung gewähren – er sei reich und mächtig genug, jeden Wunsch zu erfüllen. Sissa schwieg eine Weile und dachte nach. Dann bat er den Herrscher um ein einziges Weizenkorn auf dem ersten Feld des Schachbretts.

Der König lachte und fragte, ob das wirklich alles sei – er könne sich doch mehr wünschen. Da antwortete der Weise, er hätte gerne auf dem zweiten Feld zwei Körner, auf dem dritten vier, auf dem vierten acht, auf dem fünften sechzehn und so weiter – stets das Doppelte des vorherigen Feldes.

Der König war zunächst verärgert, weil er glaubte, Sissa halte ihn für zu arm oder zu geizig. Er schickte ihn aus dem Palast und liess ihn am Tor warten – dorthin würde man ihm seinen Weizen bringen.

Da bemerkte sein Rechenmeister, dass es im gesamten Königreich nicht genug Weizen gäbe, um den Wunsch des Weisen zu erfüllen – ja, dass es auf der gesamten Welt nicht so viel Getreide gäbe.

Um seinem Herrscher aus der Verlegenheit zu helfen, empfahl er ihm schliesslich, Sissa möge die Körner einfach selbst zählen.

Was Führungskräfte daraus lernen - Auflösung

Die Gesamtzahl der Weizenkörner auf allen 64 Feldern des Schachbretts ergibt 18’446’744’073’709’551’615.

In Worten: 18 Trillionen, 446 Billiarden, 744 Billionen, 73 Milliarden, 709 Millionen, 551 Tausend und 615 Körner.

Bei einem durchschnittlichen Korngewicht von 40 mg entspricht dies rund 737 Milliarden Tonnen – dem ungefähr 1’000-fachen der gesamten weltweiten Jahresernte an Weizen.

Und wenn Sissa ein Korn pro Sekunde zählen würde, benötigte er für die Gesamtmenge fast 585 Milliarden Jahre – rund das 42-fache des Alters des Universums.

Der blinde Fleck unseres Verstandes - was Führungskräfte daraus lernen

Die Legende des Schachbretts ist nicht nur eine mathematische Spielerei. Sie offenbart eine tiefgreifende Schwäche des menschlichen Gehirns: Wir sind hervorragend darin, lineare Entwicklungen zu verstehen. Wenn wir jeden Tag einen Schritt gehen, wissen wir intuitiv, wo wir nach zehn Tagen stehen. Doch sobald Entwicklungen exponentiell verlaufen – sich also kontinuierlich verdoppeln –, versagt unsere Vorstellungskraft komplett.

Genau dieses Unvermögen, solche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, wird für viele Unternehmen zum strategischen Verhängnis. Probleme wachsen nicht linear.

In der Unternehmensrealität begegnen uns exponentielle Effekte selten in Form von Weizenkörnern oder Umsatzsprüngen, sondern meistens im Verborgenen. Wenn in Führungsteams unausgesprochene Spannungen herrschen, Verantwortlichkeiten nicht sauber geklärt sind oder Entscheidungen aus Konfliktscheu aufgeschoben werden, verhält sich das exakt wie die ersten Felder auf dem Schachbrett.

Anfangs sind die Auswirkungen kaum spürbar – ein Korn, zwei Körner, vier Körner. Ein verpasstes Meeting hier, eine zögerliche Abstimmung dort.

Klassische Beratungsinstrumente und Controlling-Kennzahlen schlagen in dieser Phase nicht an, da das System an der Oberfläche scheinbar noch funktioniert. Man ignoriert das Problem, weil es noch „zu klein“ erscheint.

Doch unter der Oberfläche verdoppelt sich die destruktive Dynamik kontinuierlich. Die Unklarheit pflanzt sich von der Geschäftsleitung in die Abteilungen fort. Aus einer kleinen Führungsschwäche wird eine spürbare Frustration bei den Mitarbeitenden, daraus entsteht Fluktuation, Projekte geraten ins Stocken, und schliesslich bricht die Produktivität ein.

Wenn das Problem endlich in den Bilanzen sichtbar wird, hat es längst die hintere Hälfte des Schachbretts erreicht – und lässt sich mit herkömmlichen Massnahmen kaum noch beherrschen.

Frühzeitig an den Ursachen ansetzen - was Führungskräfte daraus lernen

Viele Organisationen investieren enorme Ressourcen in die Bekämpfung von Symptomen, die bereits unkontrollierbar geworden sind – anstatt früh genug an den Ursachen anzusetzen.

Die gute Nachricht: Was in eine Richtung eskaliert, kann auch in die andere kippen. Wer frühzeitig Klarheit in Entscheidungswege und Zusammenarbeit bringt, löst eine Kettenreaktion im positiven Sinne aus.

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